Wir sind im Tinyhaus Village angekommen. Lucca und Holger sehen zum ersten Mal unser zukünftiges Grundstück

Nachdem wir in glücklicher Vorfreude unser Tinyhaus wieder dem Bauprozess überlassen haben, reisen wir weiter von der Westküste Portugals an die Algarve. Unser Ziel ist das Tinyhaus Village, wo ich ein kleines Grundstück gepachtet habe. Wieder bin ich sehr aufgeregt, denn Holger und Lucca sehen die Siedlung zum ersten Mal und auch ich weiß nicht, was mich erwartet. Als ich im Mai zur Besichtigung an die Algarve geflogen war, konnte man noch nicht viel erkennen von dem Projekt. Lediglich rote Flatterbänder markierten die zukünftigen Grundstücksgrenzen im portugiesischem Buschland. Als wir ankommen, erkenne ich das Stück Erde kaum wieder. Viele Bagger, tonnenweise roter Staub, offene Gräben und bunte Schläuche durchziehen das Gelände. Die Kommunikation ist gut und wir werden freundlich willkommen geheißen. Einige Grundstücke sind schon fertig und ein paar wenige Tinyhäuser stehen schon da und werden bewohnt. Mein Grundstück ist am Rande der Siedlung gelegen, mit Blick ins Grüne und in der Ferne sehen wir die Hafenstadt Portimao. Holger und Lucca nehmen das staubige Durcheinander mit Gelassenheit. Diese rote Mondlandschaft lässt zumindest viel Raum für Fantasien und künftige Visionen. Wir bleiben zwei Tage, um alles Nötige zu regeln und dann sind wir froh, die Baustelle wieder verlassen zu dürfen.

Endlich wieder in einem Haus leben… was für ein Luxus

Ziel ist unser Ferienhaus bei Faro, wo wir die nächsten drei Wochen leben werden. Wir empfinden unser neues Domizil wie den Himmel auf Erden. Nach einer gefühlten Ewigkeit dürfen wir den Luxus genießen, den eine feste Behausung zu bieten hat mit fließendem Wasser, einer eigenen Waschmaschine und einer großer Küche. Wir leben mitten in der Natur und schauen von unserem Hügel aus auf die umliegende Landschaft. Wir sind in der großen Hitzewelle gelandet, die ganz Europa erfasst hat. Es ist einfach nur heiß, Tag wie Nacht. Ich merke, wie mich die Heftigkeit der Elemente fordert. Die brütende Hitze, die krasse Trockenheit, die Wildheit des Atlantik. All das hat nichts gemeinsam mit der sanften Zurückhaltung Deutschlands. Es ist, als ob mir Portugal zurufen würde: „Lebe mit ganzer Konsequenz und halte nichts zurück! Lebe wild und lebe frei!“ Man muss hier das Leben nehmen, wie es kommt und das ist wirklich schwierig für mich als durchgetakteten und organisierten Menschen. Wieder heißt es für mich: Loslassen und vertrauen. Die Welt geht nicht unter, nur weil ich heute meine Pläne nicht durchziehen kann. Portugal lächelt, zuckt die Schultern und sagt „Não te preocupes“, was so viel heißt wie „Macht dir nichts draus, sei unbesorgt“.

Wir erleben zum ersten Mal traditionelle Fado-Musik und fühlen die portugiesische Seele

Es ist der Geburtstag meines Partners Holger, der dazu führt, dass wir abends durch „Zufall“ in einem der wenigen Restaurants sitzen, die noch Platz für uns haben an einem Samstag Abend im August. Wir sind eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, bestehend aus Lucca, Holger und mir, unserer Ferienhausnachbarin und inzwischen guten Freundin Julia mit der süßen kleinen zweijährigen Klara aus Berlin und Holgers langjährigem Freund Zé aus Lissabon. Ich muss lächeln, als ich unsere Truppe anschaue. Wie doch das Leben die Menschen scheinbar zufällig zusammenwirft. Wir fühlen uns einfach wohl miteinander, in diesem Moment an diesem Tag ist es perfekt so wie es ist. Wir sind die einzigen Deutschen, die sich in ein Restaurant verirrt haben in den Bergen im Hinterland von Faro. Hier treffen sich die Portugiesen, ganz ungestört von den üblichen Touristenmassen im August. Während wir unser traditionell portugiesischen Essen genießen, beginnt ein Mann auf der Gitarre die alten Weisen der Fado-Musik zu spielen, eine wunderschöne melancholische Musik, mit der die Portugiesen den Untergang der Eroberer-Epoche beklagen. Der Gitarrenspieler fährt fort zu spielen, während sich viele verschiedene Sänger und Sängerinnen abwechseln, wunderschöne Lieder vorzutragen. Es sind alles Laiensänger, die sich hier treffen, um ihrer gemeinsamen Leidenschaft der Fado Musik nachzukommen. An beinahe jedem Tisch sitzt ein Sänger und die Menschen feiern sich gegenseitig, ermutigen sich, lächeln sich zu, freuen sich aneinander und an der Musik. Die Lieder sind oft bekannt und alle wiegen sich summend oder leise mitsingend im Rhythmus. Jeder Sänger hat eine einzigartige Energie und Ausdrucksweise. Junge Menschen, alte Menschen, Männer und Frauen. alle sind sie in diesem Moment vereint in ihrer Liebe zur Musik. Ich bin fasziniert, bemerke zum ersten Mal die Schönheit der portugiesischen Sprache, die mir bis dahin völlig fremd und unverständlich erschien. Ich sehe zum ersten Mal die Würde dieser Menschen, die Stärke, Leidenschaft, ihre Hingabe ans Leben. Dabei aber in tiefer Ruhe, Zentriertheit und einer großen inneren Zufriedenheit. Diese Menschen sind glücklich, tief verankert und lieben das Leben in ihrer ganzen Tiefe und allen Facetten. Wir lassen uns mitreisen, sind in diesem Moment Teil der Gemeinschaft. Die Menschen lächeln uns an, nehmen Kontakt zu uns auf, heißen uns in ihrer Mitte herzlich Willkommen. Ich bin tief berührt. Das hätte ich nicht erwartet. In diesem Moment öffnet sich etwas in mir, kommt ins Fließen. Ein stilles Glücksgefühl aus den Tiefen meines Herzens breitet sich aus und erfasst mich. Für diesen Moment fühle ich mich angekommen und richtig hier. Portugal hat mich für sich eingenommen, mit Haut und Haaren. Es hat mich mit seiner feurigen Energie, brütender Hitze und tosenden Atlantikwellen empfangen. Nun offenbart es mir seine ruhige und stille Schönheit, verkörpert durch Menschen, die den portugiesischen Geist leben und feiern. Ich bin zutiefst dankbar und verankere diesen Moment tief in meinem Herzen. Es ist wie ein kleines Guckloch in die Zukunft und wird mir noch viel Kraft geben in den folgenden Wochen.

WIld, bunt und wunderschön… das Leben in Portugal