
Nachdem wir den klimatisch schönsten Monat Oktober mit sommerlicher Wärme und menschenleeren Stränden an der Algarve genossen haben, rücken jetzt Anfang November die ersten Regenwolken heran. Gleichzeitig ballen sich auch andere Sorgenwolken zusammen. Im Camp ist es auf einmal still geworden. Kein Baulärm, kein Staub, keine Bagger und Walzen mehr. Gespenstische Stille. Sofortiger Bau-Stopp aufgrund einer behördlichen Anordnung. Langsam sickert durch, was viele geahnt haben: Die Existenz des Tinyhouse-Village ist bedroht. Es gibt Gerüchte über fehlende Genehmigungen, Korruption und Misswirtschaft. Nach dem ersten Schrecken wird die Atmosphäre im Village hochgradig spannungsgeladen. Wir müssen damit rechnen, dass das Camp geschlossen wird. Nach dem ersten Verdauen akzeptiere ich diese Wendung. Ich habe bereits geahnt, dass bald klare Zeichen vom Universum geschickt werden. Ich war darauf gefasst und nehme sie an. Wir schauen uns nach Alternativen um. Gott sei Dank ist unser Tinyhaus auf Rädern noch immer nicht fertig gestellt und steht sicher auf dem Gelände des Herstellers. Mein Lebensgefährte kommt aus Deutschland geflogen und zusammen nutzen wir Luccas Herbstferien, um uns im Lande umzuschauen und alle Möglichkeiten durchzuspielen. In kurzer Zeit lernen wir viele Menschen und noch mehr Lebenskonzepte kennen. Es ist ein Blick in viele neue Welten und teilweise erschreckt es mich, teilweise bin ich fasziniert. Portugal ist voll von Menschen, die ihrer ganz eigenen Lebensweise nachgehen. Oft unter dem Radar der Behörden, teilweise traditionell geduldet werden Unterkünfte jeder Art besonders in den Bergen des Hinterlandes gebaut. Manchmal ausgeklügelte off-grid-Häuser, oft auch einfache Verschläge. Wir sprechen mit Bewohnern, Maklern, Einheimischen und Auswanderern. Das ist so interessant, dass ich am liebsten soziale Feldstudien anfertigen würde. Das Ergebnis ist jedoch nach einiger Zeit klar: Die Zukunft der Tinyhäuser in Portugal ist bedroht, zumindest an der Algarve besiegelt. Die Politik hat sich gedreht, die bisherige freundliche Duldung gehört der Vergangenheit an. Nach einer kurzen Analyse des Immobilienmarktes wird die Sache immer klarer. Wir haben keine annehmbare bzw kurzfristig finanzierbare Alternative.

neuen Platz für uns.
Ich bereite Lucca darauf vor, dass wir zum Schulhalbjahr wieder nach Deutschland zurückkehren werden. Das Universum bereitet uns sanft vor und zieht dann aber erschreckend schnell durch. Es beginnt zu regnen. Was zuerst ganz nett erscheint, den Staub reduziert und die Landschaft zum Erblühen bringt, wandelt sich nach kurzer Zeit zu einem schlammigen Alptraum. Die Schlinge zieht sich zu im Camp. Nun ist auch noch Sturm angesagt. Zunächst nichts besonderes an der Algarve, sind wir hier doch am Atlantik und kennen den strammen Wind vom Meer. Doch diesmal scheint es etwas anders zu sein. An einem Donnerstag Abend im November beginnt der Regen stärker zu werden und heftiger Wind setzt ein. Plötzlich prasseln sturzflutartige Regenfälle mit extrem starken Windböen auf uns ein. Ich bin so dankbar, dass mein Lebensgefährte Wohnwagen und Vorzelt extrem stabil verankert hat. Trotzdem flutet das Wasser ins Zelt und irgendwann steht einfach alles unter Wasser. In wilden Bächen stürzt das Wasser den Berg hinunter, reißt Mauern ein, flutet nicht fertig gestellte Gräben und spült Autos weg. Ich schaffe es gerade noch mein Auto todesmutig und mit Vollgas den schlammigen Weg bergauf zu bewegen und schlittere mit letzter Kraft aus dem Camp hinaus. Schweißnass und mit klopfendem Herzen atme ich erleichtert aus. Lucca ist erstmal sicher in der Schule und ich suche mir ein Café zum Arbeiten. Nach der Schule retten wir uns in eine Einkaufs-Mall zum Hausaufgaben machen und uns irgendwie im Trockenen die Zeit zu vertreiben. Nichts an der Algarve ist auf solchen Regen eingestellt. Überall tropft der Regen durch die Decke und im H&M stehen Eimer, um das Regenwasser aufzufangen.

Wir kämpfen uns auf überfluteten Straßen zum Flughafen durch, um Holger abzuholen. Gott sei Dank landet er sicher. Nun müssen Entscheidungen getroffen werden, während der mittlerweile ausgewachsene Tornado – übriges der erste je verzeichnete Tornado an der Algarve – weitertobt. Auf einmal weiß ich es sicher: Wir kehren zurück nach Deutschland. Jetzt. Holger zögert – und vertraut meiner Intuition und zieht mit. Was nun folgt, gleicht einem Wunder. Wir schaffen es, unser ganzes Leben in Portugal innerhalb von 48 Stunden abzuwickeln. Inklusive Schulabmeldung, bürokratische Notwendigkeiten, Verabschiedungen und vor allem – Packen. Während eines Orkanes und mit den Bedingungen eines im Schlamm versinkenden Camps. Mein ganzes Leben muss nun in einen kleine Ford Transit hineinpassen. Vieles muss ich zurücklassen, verkaufen oder verschenken. Es ist nur Materie.

Am Sonntagmorgen schafft es unser treuer und zuverlässiger Transporter vollbeladen aus dem Camp zu schlittern, nachdem Holger es zweimal geschafft hat, sich wieder frei zu fahren. Wir schmeißen den riesigen Berg unserer klatschnassen und schlammigen Klamotten und Schuhe in meinen PKW und hoffen, dass es die Reise nach Deutschland überlebt, ohne zu schimmeln. Es ist Luccas Geburtstag und trotz dieser dramatischen Umstände möchten wir ihn gebührend feiern. Wir gönnen uns vor der Abreise ein tolles Geburtstagsbrunch in einem Restaurant und wie zum Spott strahlt auf einmal die Sonne am leuchtend blauen Himmel als wäre nie etwas geschehen. Wir nehmen uns in die Arme und sind so voller Stolz, was wir geschafft haben, zusammen als Team. Jeder hat sein Bestes gegeben und es hat uns richtig zusammengeschweißt.

Vor uns liegen nun 3000 km quer durch Europa. Was sein soll, wird aus einer höheren Warte unterstützt und die Rückreise läuft schnell, glatt und ohne besondere Vorkommnisse. Was für ein Unterschied zu unserer Einreise nach Portugal. Im Rückblick sehe ich all die Knüppel, die uns in den Weg geworfen wurden. Meine Bänderrisse, mein Hexenschuss, all die Probleme und Schwierigkeiten. Es hat nicht sollen sein, das erkenne ich jetzt ganz klar. Und es hilft mir sehr, diese aktuellen Entwicklungen anzunehmen. Ich weiß, ich habe die Zeit im Bootcamp in aller Tiefe genutzt, um alte Schichten abzulegen, Erkenntnisse zu sammeln und Altes loszulassen. Ich wäre im sicheren Deutschland nie an diese tief verborgenen Schatten in meinem Inneren herangekommen. Ich sehe die Erfahrung und nehme diese Geschenke dankbar an. Wir nutzen die vier Tage Fahrt, um uns auf Deutschland vorzubereiten. Wir kaufen irgendwo in Frankreich Winterschuhe und malen uns aus, wie es sein wird, mit Eis und Frost in Deutschland empfangen zu werden. Lucca freut sich auf seine alte Klasse, seine Kumpels, die Familie und fränkische Gelbwurst. Mein Kleiner zeigt mal wieder seine ganz große und starke Seite. Nach kurzem Schmerz und Zorn über die anstehende Veränderung akzeptiert er die Situation und vertraut uns. Jetzt sitze ich in Deutschland im Haus meines Lebensgefährten und während ich diese Zeilen schreibe, staune ich über so Vieles. Über die Dramatik der letzten Tage in Portugal. Darüber, dass ich zu keinem Zeitpunkt sonderlich beunruhigt war, sondern geleitet von einer ganz klaren Gewissheit, was jetzt zu tun ist. Und dass es nicht vorgesehen ist, dass uns etwas passiert. Wir sind nicht mehr dieselben wie vor der Abreise. Und ich bin gespannt, wie unser Weg jetzt weitergeht. Ich bin mir sicher: ich werde es wissen, wenn es so weit ist.
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